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Wie der Fasching zu den Menschen kam

Ein Märchen zum Vorlesen oder selbst Lesen für Kinder ab 5 Jahren

Ganz, ganz weit weg auf einem anderen Planeten mit einer anderen Sonne da leben die Kasperl. Gerade so wie bei den Menschen gibt es fast unzählig verschiedene Arten von Kasperln. Es gibt große und kleine, dicke und dünne, alten und junge, solche mit einer hellen Haut und blonden Haaren und ganz dunkelhäutige und schwarz gelockte. Manche sind gelb und grün, andere sind rot und blau oder lila, und wieder andere haben so viele Farben auf einmal, daß man sie gar nicht zählen kann.

Aber eines haben alle Kasperl gemeinsam: Sie sind alle lustig. Sicher kommt es gelegentlich vor, daß ein Kasperl aus irgendeinem Grund traurig ist, daß einer vielleicht hinfällt und deshalb weint, daß sich zwei streiten oder sich über irgendetwas ärgern. Aber bis am Abend die Sonne untergegangen ist, haben sie immerwieder alles in Ordnung gebracht. Dann lachen sie, gehen quietschvergnügt in ihre Betten und schlafen bestens, schon weil sie so guter Laune sind und sich bereits beim Einschlafen auf den nächsten Tag freuen.

Einmal war da ein kleiner Kasperl, der war sehr neugierig. Er wollte alles erforschen und entdecken und wollte vor allen Dingen sehen, wie es andererorts zugeht. Deshalb plante er schließlich eine große Reise. Er sah zu Himmel, beobachtete die vielen tausend Sterne und überlegte, ob es nicht vielleicht irgendwo anders auch Lebewesen geben könne, vielleicht sogar Kasperl gerade so wie er einer war.

Vor lauter Nachdenken war es bereits Abend geworden, und derkleine Kasperl hatte vollkommen vergessen, ins Bett zu gehen. Auf einmal sah er einen schrecklich hellen Lichtstrahl, so daß er sich direkt die Augen zuhalten mußte, um nicht geblendet zu werden.

"Was machst du denn noch hier?" hörte er eine Stimme ihn fragen.

"Ich möchte gerne wissen, wer auf den anderen Sternen lebt," gab der kleine Kasperl ganz ehrlich zu und versuchte, ein bißchen zu blinzeln.

"So, aha," antwortete die Stimme, "und wie willst du das anstellen? Wer bist du überhaupt?"

"Ich heiße Fascho," sagte der kleine Kasperl. "Und wer bist du?"

"Ich bin eine Sternschnuppe. Reiche mir deine Hand. Ich gebe dir eine dicke, starke Schutzbrille, dann kannst du mich anschauen, wenn wir miteinander sprechen."

Fascho tastete suchend ins Leere. Und da fühlte er etwas in seiner Hand. Er nahm es an sich. Es schien tatsächlich eine Brille zu sein mit einem dicken Gummiband, damit sie nicht vom Kopf rutschen würde. Fascho setzte das unförmige Ding auf, öffnete seine Augen und hob langsam seinen Kopf. Die Gestalt vor ihm war immer noch sehr hell, aber seine Augen taten ihm jetzt bei deren Anblick nicht mehr weh. Es war tatsächlich eine gewaltige, dicke Sternschnuppe.

Da kam Fascho eine Idee: "Du fliegst doch andauernd durch das Weltall und hast sicher bereits sehr viel erlebt. Könntest du mich nicht mal mitnehmen? Ich würde so gerne sehen, wie es an anderen Orten zugeht."

"Warum nicht," lachte die Sternschnuppe. "Im Weltall ist es zwar schrecklich kalt, aber dafür ist es bei mir durch meine Strahlen um so wärmer. Ich könnte dich vor der Kälte schon schützen. Und wenn du unbedingt willst. Aber es wird eine lange Reise werden!" warnte die Sternschnuppe noch.

Der kleine Kasperl war so begeistert, und es trieb ihn das Verlangen nach einem großen Abenteuer, daß er gar nicht an Heimweh oder dergleichen dachte. Behend schwang er sich auf den Rücken der Sternschnuppe, kuschelte sich ganz dicht an sie und gurtete sich zur Sicherheit noch mit einem breiten Band fest, damit er während der Fahrt nur ja nicht herunterfallen würde.

Und gleich ging es los. Sie verließen den Kasperlplaneten und tauchten schon bald in ein riesiges, schwarzes Nichts. Immer weiter ging es und weiter, immer länger dauerte die Fahrt. Gelegentlich kamen sie ziemlich dicht an einem anderen Stern vorbei, daß dieser so groß wie eine Sonne aussah. Dann wieder ging es geradeaus durch das endlose Weltall.

"Können wir nicht mal auf einem Stern landen?" fragte Fascho, denn allmählich wurde diese Fahrt immer nur durch das Dunkel und das Nichts ganz schön langweilig.

"Das ist unmöglich," antwortete die Sternschnuppe. "Ich bin doch schon so heiß, und ein richtiger Stern ist noch viel, viel heißer. Da würdest du dich total verbrennen. Aber siehst du den großen Planeten dort drüben? Das ist Uranus. Und das gleich da hinten ist Pluto."

Fascho spähte hinüber. Diese Planeten sahen nicht sehr einladend aus. Sie waren grau, felsig und schienen gänzlich leer zu sein.

"Gibt es nicht irgendwo einen Planeten, auf dem auch jemand wohnt?" fragte Fascho. "Dorthin würde ich gerne fliegen."

Die Sternschnuppe überlegte. "Ach ja, ein Stück weiter vorne, da ist die Erde. So viel ich weiß, wohnen dort allerlei Lebewesen."

Jetzt wurde Fascho neugierig. Gespannt äugte er geradeaus. Ja, da, da war etwas. Von weitem sah es blau und teilweise grünlich aus. Das mochte doch ganz lustig werden auf dieser Erde. Die Sternschnuppe verlangsamte ihre Geschwindigkeit und flog dicht an die Erde hin.

"Richtig landen kann ich dort leider nicht," erklärte sie. "Aber ich bin befreundet mit dem Wind. Derlebt auch auf der Erde. Er bringt dich bis ganz hinunter."

Tatsächlich, kaum hatte die Sternschnuppe ausgesprochen, kam auch schon jemand angebraust mit einem riesengroßen, weiten Mantel.

"Du mußt jetzt umsteigen," sagte die Sternschnuppe. "Ich fliege weiter. In vier Wochen genau am Dienstag eine halbe Stunde nach Mitternacht, also eigentlich ist es dann bereits Mittwoch, da komme ich wieder hier an dieser Stelle vorbei. Da kannst du beimir wieder aufsteigen, und ich bringe dich zurück nach Hause."

Fascho nickte, und flugs hob ihn der Wind hoch, nahm ihn unter seinem großen Mantel in die Arme und sauste mit ihm hinab auf dieErde.

Nach einer halben Stunde Flug landeten sie auf einer breiten Straße in einer großen Stadt. "Merke es dir gut, am Dienstag in vier Wochen genau um Mitternacht hole ich dich hier wieder ab. Du darfst den Termin auf keinen Fall vergessen, denn sonst würdest du nie wieder nach Hause kommen!"

Fascho atmete tief. "Ich werde ihn bestimmt nicht vergessen," bestätigte er, "und vielen Dank fürs Herbringen."

Da stand er nun, der kleine Kasperl, und sein Herz pocht rasend. Neugierig sah er sich nach allen Seiten um. Doch so ein Bild, wie es sich ihm dort bot, hatte er noch niemals in seinem Leben gesehen:

Alles um ihn herum war grau und duster. Seltsame, dunkle Gestalten mit griesgrämigen Gesichtern hetzten an ihm vorbei. Da fiel Fascho ein, daß er ja seine dicke Schutzbrille noch aufhatte. Er nahm sie ab, doch das Bild änderte sich dadurch kaum. Im Gegenteil, der kleine Kasperl konnte jetzt nur noch deutlicher die Gesichter dieser Gestalten sehen. Da war nicht eine, die lachte oder wenigstens ein bißchen freundlich schaute. Und alle schienen es schrecklich eilig zu haben.

Menschen gibt es auf der Erde, hatte ihm der Wind erzählt. Ob das wohl die Menschen waren? Was sie nur Wichtiges zu tun haben mochten, daß sie so eilig an ihm vorbeirasten. Fascho setzte seine Schutzbrille wieder auf und schaute nachdenklich vor sich hin.

"Seht nur, was das für ein blöder Typ ist, ha, ha, ha," rief plötzlich ein kleiner Mensch, baute sich wichtigtuend vor Fascho auf und zeigte mit dem Finger auf ihn.

Ein anderer kleiner Mensch blieb ebenfalls stehen und stimmte seinem Vorredner zu. "Ja, der sieht wirklich seltsam aus! Wie kann man nur in so einem albernen Aufzug herumlaufen? Ha, ha, ha!"

Fascho schaute interessiert die beiden kleinen Menschen an. Sie lachten, ja ganz richtig, sie lachten. Sie lachten zwar nicht mit sondern über ihn, aber wenigstens lachten sie und schauten nicht so schrecklich mißmutig wie alle anderen. Also lachte der kleine Kasperl ebenfalls und breitete vor Vergnügen weit seine Arme aus.

"Guten Tag, ich freue mich, euch zu sehen."

Die beiden kleinen Menschen stutzten. Wenn man sich über jemanden lustig macht, dann läuft der doch normalerweise heulend davon. Oder er schimpft ganz schrecklich und wird furchtbar wütend. Was ist das nur für ein seltsamer, kleiner Kerl, der dabei noch fröhlich ist? "Wer bist du denn?" fragten sie vorsichtig.

"Ich heiße Fascho und bin ein Kasperl. Und was seid ihr?" fragte Fascho neugierig.

"So ein Trottel," lästerte der eine. "Na, wir sind Kinder. Ich heiße Thomas, und das ist Stefanie." Die beiden hatten aufgehört zu lachen und musterten den kleinen Kasperl jetzt sehr kritisch und nachdenklich.

"Und warum lachen die Menschen nicht? Und warum ist hier alles so grau und häßlich?" fragte Fascho weiter.

"Weil es nichts zu lachen gibt," antwortete Stefanie ernst. "Unsere Eltern müssen zur Arbeit, wir müssen zur Schule oder in den Kindergarten, am Abend müssen wir ins Bett, und manchmal sollen wir etwas essen, das wir nicht mögen."

Fascho seufzte. Das klang wirklich nicht sehr lustig. Bei ihmzu Hause war alles ganz anders. Da gehen die kleinen Kasperl gerne zur Schule, weil es dort so viel Tolles und Neues zu lernen gibt, da schmeckt das Essen ganz ausgezeichnet, und da gehen alle gerne schlafen, weil sie vom vielen Lachen so müde geworden sind, und weil sie sich so sehr auf den nächsten Tag freuen. Ob es vielleicht daher kommt, weil alles so eintönig ist? überlegte Fascho und fragte: "Warum habt ihr denn keine Farben? Eure Häuser sind grau, eure Straßen sind grau, eure Kleidung ist grau, ja sogar die Bäume sind grau. Es gibt dort keine Blätter, und Blumen habt ihr auch nicht. Warum nicht?"

"Weil jetzt Winter ist," erklärte ihm Thomas. Im Sommer gibt es schon bunte Blumen und Blätter, aber jetzt ist es zu kalt dazu. Und der schöne Schnee ist längst zu schmutzigem Eis oder Matsch geworden."

"So darf das nicht weitergehen," entschied der kleine Kasperl. Vor lauter Ernsthaftigkeit mußte er schon beinahe schwer atmen. Diese traurigen, finsteren Gesichter schienen direkt ansteckend zu sein.

"Als erstes brauchen wir Farben," überlegte er und marschierte forsch einfach mal geradeaus. Zu Hause bekamen sie die bunten Farben immer vom Regenbogen, und der kam vom Licht. Das wußte der kleine Kasperl bereits. Aber hier gab es kaum Licht. Es war grau,neblig und trüb.

Thomas und Stefanie tapsten unschlüssig hinter dem kleinen, bunten Kerlchen drein. Er sah so witzig aus mit seinem bunten, seltsamen Gewand, daß Stefanie direkt kichern mußte.

"Warum laden wir ihn nicht zu uns nach Hause ein?" schlug sie vor. "Ich möchte, daß Mama und Papa diesen seltsamen Typen auch sehen."

Thomas war einverstanden, und als die beiden Kinder Fascho von ihrer Idee erzählten, war dieser so begeistert, daß er vor Freude Luftsprünge machte. Das sah wiederum so komisch aus, daß die beiden Kinder von Herzen lachen mußten, und schließlich alle drei sprudelnd vor Vergnügen zu Hause ankamen.

Die Mutter runzelte zuerst die Stirn, als sie ihre Kinder mit dem kleinen Fremden sah. Die seltsame Geschichte von dem Planeten der Kasperl glaubte sie sowieso nicht, und immer nur fröhlich zu sein, erschien ihr doch sehr unheimlich.

Andererseits aber hatte sie ihre beiden Kinder noch niemals zuvor so erlebt. Sie setzten sich ohne zu murren zum Abendessen an den Tisch, lachten fröhlich und unbeschwert, und während Stefanie hinterher beim Abräumen half, las Thomas bereitwillig Fascho den Text vor, den er für die Schule noch zu üben aufhatte.

Fascho durfte bei Stefanie und Thomas über Nacht bleiben, nicht nur bis zum nächsten Tag, sondern gleich für eine ganze Weile. Der gute Einfluß, den er auf die beiden Kinder ausübte, breitete sich in der Nachbarschaft wie ein Lauffeuer aus. Viele andere Eltern wollten Fascho ebenfalls kennenlernen, damit ihre Kinder auch wieder lachen würden. Sie stellten nämlich fest, daß es ein schönes Gefühl ist, zu lachen und fröhlich und unbeschwert zu sein.

Schließlich organisierten sie ein großes Fest, ein Faschofest, wie sie es nannten. Alle Kinder aus der Nachbarschaft kamen, lachten tanzten und freuten sich. Und damit man die fröhlichen Kinderauch gleich herauskennen würde, nähten ihnen die Eltern bunte Kostüme. Fascho erzählte von den anderen Kasperln auf seinem Planeten, daß jeder sich von dem anderen irgendwie unterschied, und daß es die Hauptsache war, daß die Kleidung sehr bunt und lustig aussähe. Einige Kinder bastelten sich sogar aus Übermut bunte Schutzbrillen, ähnlich jener, die Fascho besaß. Diese Brillen nannten sie Masken, weil manche fast das ganze Gesicht bedeckten.

Eine Woche nach dem ersten Faschofest organisierten sie gleich ein weiteres solches Fest, weil das vorherige so schön gewesen war. Und irgendwann kamen die Erwachsenen auf die Idee, es ihren Kindern gleichzutun. Sie versuchten, dem Grau des Alltags zu entfliehen, und bei einem lustigen, ausgelassenen Fest all ihre Sorgen zu vergessen.

Die Tagen und Wochen gingen dahin, und immer mehr solcher fröhlichen Feste wurden in den verschiedensten Teilen der Stadt ausgerichtet. Natürlich war Fascho überall eingeladen und sorgte mit seinem freundlichen Wesen dafür, daß auch wirklich alle lustig waren.

Aber schließlich kam der Tag des Abschieds. Es war ein Dienstag. Die Menschen beschlossen, an diesem letzten Tag so weit es irgend möglich war, nicht zu arbeiten, sondern mit Fascho zusammen zu feiern. Weil sich zu diesem letzten großen Fest so viele Menschen trafen, waren die Häuser viel zu klein, als daß alle darin Platz gefunden hätten. So feierten die Menschen einfach lustig und ausgelassen auf der Straße und tanzten und sangen dort voller

Freude.

Es wurde Abend. Die Kinder verabschiedeten sich von Fascho und gingen glücklich zu Bett. Die Erwachsenen begleiteten Fascho noch in die Nacht hinein. Doch beim Glockenschlag zwölf stand Fascho draußen. Ein heftiger Wind blies. Er nahm Fascho unter seinen Mantel und trug ihn hinauf in das Dunkel der Nacht. Dort ganz oben weit über den Wolken wartete bereits die Sternschnuppe, um Fascho zurück nach Hause auf seinen Kasperlplaneten zu bringen.

Aber Fascho hatte den Menschen versprochen, sie im nächsten Jahr wieder zu besuchen. Und seit damals kommt Fascho jedes Jahr in der Zeit des grauen Winters zurück auf die Erde, um die Menschen an das Lachen zu erinnern. Je nachdem, wie es der Weg der Stern schnuppe erlaubt, kann Fascho manchmal länger bleiben, und manchmal nur kürzer. Gelegentlich hat Fascho auch schon Geschwister oder Freunde bei seinem Besuch mitgebracht. Oder sind es inzwischen längst Faschos Kinder oder gar Enkelkinder, die uns auf der Erde besuchen? Faschos erste Reise zu uns ist nämlich bereits sehr lange her.

Hast du Fascho auch schon mal getroffen? Es ist gar nicht so einfach, ihn zu erkennen, denn in der Faschingszeit, wie die Menschen die Wochen während Faschos Erdenbesuch inzwischen nennen, laufen viele Kinder in Kasperlkleidung herum. Es ist auch gar nicht so wichtig, Fascho persönlich zu begegnen. Hauptsache wir denken daran, wie schön es ist, zu lachen und fröhlich zu sein. Denn dann können wir alle die vielen kleinen Aufgaben unseres täglichen Lebens viel leichter und besser erledigen.

 

 










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