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..... Kaplan Hubert Stengel hatte damals auch die Eucharistiefeier am Morgen gehalten. Als er eben dem letzten Gläubigen die Heilige Kommunion ausgeteilt hatte, wurde das Kirchenportal aufgerissen und Frau Wallner kam laut schreiend hereingestürzt.
"Herr Pfarrer, Herr Pfarrer, kommen Sie schnell! Meine Marie, meine Tochter, sie rührt sich nicht!"
Frau Wallner raste nach vorne, fiel vor Kaplan Stengel auf die Knie und zerrte an seinem Gewand. "Kommen Sie schnell! Meine Marie, wenn sie nicht mehr lebt! Kommen Sie, helfen Sie ihr!"
Die Gemeinde starrte verdutzt auf den Eindringling in diese ruhige, würdevolle Morgenfeier. Und sie war noch entgeisterter, als Kaplan Stengel nicht lange zögerte, sondern der Frau auf die Beine halt, "Dies ist ein Notfall, bitte verzeihen Sie, daß ich die Feier hiermit beende," sagte, und zusammen mir ihr zur Kirche hinauseilte.
Pfarrer Mitterer hatte seinem Kaplan später schwere Vorwürfe gemacht, daß er die Gemeinde einfach so ohne Segen und Abschluß im Stich gelassen hatte, aber Kaplan Stengel hatte sich klug gerechtfertigt:
"Erzählt nicht Jesus, daß der Hirte seine 99 Schafe im Stich lief, um das eine, verlorene zu suchen?!"
Darauf hatte Pfarrer Mitterer nichts mehr entgegnen können. Dieser Kaplan Stengel konterte überhaupt immer mit so treffenden Bibelsprüchen als Argumenten, und das paßte ihm überhaupt nicht.
Aber kehren wir zurück zu der armen Frau Wallner:
Die Haus- und Wohnungstüre standen sperrangelweit offen. Frau Wallner zerrte Kaplan Stengel an der Hand und rannte fast wie besessen. Dabei mußte der Kaplan sehr aufpassen, daß er beim Laufen nicht über sein langes Gewand stolperte.
Als sie die Wohnung betraten, stürmte Frau Wallner sofort ins Kinderzimmer, fiel vor dem Bett auf die Knie und umarmte ihre Tochter. Sie lag ganz ruhig und ordentlich zugedeckt auf dem Rücken. Kaplan Stengel trat keuchend ans Bett und nahm die Hand des Kindes - kalt.
"Sie ist tot" sagte Kaplan Stengel ruhig.
"Nein!" schrie Frau Wallner, "nein! Helfen Sie ihr! Bitte, bitte, helfen Sie ihr!"
"Ich könnte ihr noch die letzte Ölung geben. Aber sie ist eigentlich schon tot.". .....
Er war schon öfter in die Wohnung von Toten gerufen worden, er hatte auch Sterbenden den letzten Beistand geleistet. Es waren meist alte oder kranke Leute gewesen. Aber hier, Marie war doch ein Kind, noch nicht einmal 13 Jahre alt.nd erst am Vortag hatte er sie gesund und munter im Pfarrhaus gesehen, als sie zu Pfarrer Mitterer zur Beichte gegangen war. Da stimmte doch etwas nicht! .......
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Und jetzt stand er hier auf diesem Bahnsteig, sein Herz klopfte heftig, und er fühlte sich plötzlich entsetzlich unbehaglich. Was hatte er sich nur erdreistet! Doch es blieb ihm keine Zeit, weiter über die etwaige Sündhaftigkeit seiner Gedanken nachzusinnen.
"Hallo, Hubert, was für eine Überraschung!" rief eine vertraute Stimme.
Hubert Stengel schaute ganz verwirrt in die sich inzwischen viel dichter drängende Menschenmenge. Endlich entdeckt er sie. "Linda!" er stürmte auf sie zu. "Laß dir helfen. Kann ich dir die Tasche tragen?"
"Ich wußte, daß du nach Lausanne wolltest. Aber wie kommt es , daß du schon heute fährst? Der Kongress beginnt doch erst morgen," wunderte sich Linda. Sie trug einen Anorak und hatte über Kopf und Hals einen dicken Schal gewickelt, so daß von ihrem Gesicht kaum etwas herausschaute. In der einen Hand schleppte sie eine große Reisetasche, in der anderen einen Aktenkoffer.
"Ach, einfach so," Hubert Stengel nahm ihr die Reisetasche ab und ging forsch auf einen Wagontüre des inzwischen eingefahrenen Zuges zu. Doch plötzlich stutzte er und drehte sich um.
"Hast du eine Platzreservierung?"
"Nein, und du?"
"Ich auch nicht. Dann wollen wir mal sehen, wo noch etwas frei ist."
Sie stiegen ein und fanden bald ein noch ganz leeres Nichtraucherabteil.
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"Jetzt weiß ich aber noch immer nicht, warum du heute schon fährst statt morgen," sagte Linda, während sie sich dem Kaplan gegenüber an den Platz am Fenster setzte. Ich muß ja heute schon in Lausanne sein, da wir morgen gleich in der Früh eine Besprechung für alle Dolmetscher haben. Aber du? Vor morgen Abend ist dort doch nichts los."
Kaplan Stengel schaute verlegen auf den Boden. "Der Kongress wird sicher interessant. Was wirst du eigentlich übersetzten? Du sprichst doch so viele Sprachen." .......... Der Kaplan starrte noch immer auf den Boden.
"Hubert," Linda machte eine Pause, "ich freue mich sehr, daß du heute schon fährst zusammen mit mir."
Er hob den Kopf. Sie schaute ihm direkt in die Augen. Es war der gleiche, fröhliche Blick wie damals bei ihrer ersten Begegnung. Nein, ganz und gar nicht. Jetzt war er anders, tiefer, offener. Er spürte, wie sein Herz so heftig pochte, daß es zu zerspringen drohte. ..........
"Erntehelfer" von Korinna Söhn
ARANA Verlag, München, Bestell-Nr.: 3-933064-00-7